~Einjähriges~

Stell dir vor, das Baby wird ein Jahr alt und keiner geht hin ..

Nagut, es ist kein wirkliches Baby .. aber immerhin wird unsere Firma übermorgen ein Jahr alt .. und heute Abend ist eine kleine Feier geplant. Ich erzähle seit Wochen, dass ich den Termin schwachsinnig finde – muss die Hälfte von uns doch eh arbeiten und die andere Hälfte hat bestimmt etwas tolleres zu tun, als das freie Wochenende auch noch auf der Arbeit zu verbringen .. aber wer bin ich denn schon, dass jemand auf mich hört?

Stattdessen werden unsere beiden Büromädels für unfähig gehalten, meinen Humor als solchen zu erkennen .. weil ich beiden schon gesagt habe, dass ich definitiv nicht da sein werde. Dummerweise war das nichtmal besonders humorvoll von meiner Seite aus gemeint, denn zum Einen muss ich arbeiten .. und zum Anderen, was bitte soll ich feiern? Die vierhundertdreissig Überstunden, die sich trotz eines freien Monats angesammelt haben? Die Tatsache, dass ich kaum noch Freizeit habe, weil ich ständig in der Firma bin? Die Tatsache, dass ich diesen Monat alleine achtzig Stunden mehr gemacht habe? Die Erkenntnis, dass ich eigentlich keine beste Freundin mehr habe sondern nur noch eine Vorgesetzte, weil auch sie für ein Privatleben keine Zeit mehr hat? Die Erkenntnis, dass alles was ich sage sowieso irgendwie unwichtig ist? Die Tatsache, dass mein Tinnitus mich mittlerweile dauernervt, ich mindestens vierzehn Stunden am Tag Kopf – und Magenschmerzen habe und Ibu plus Pantozol meine treuesten Begleiter geworden sind? Ja, das sind alles wunderbare Gründe zum Feiern, das stimmt wohl .. Ich kann mich quasi kaum halten vor Freude.

Sollen die heute Abend feiern. Ich fahre zu meinen zwei Patienten und werde mir extra viel Zeit lasse, so dass ich mich mit einem reinen und kurzen Höflichkeitspflichtbesuch in der Firma aus der Sache ‚raus halten kann. Sollen andere feiern, mir ist definitiv nicht danach. Ich kotz lieber noch ein Weilchen.

~Aller guten Dinge sind drei~

Ober – GAU. Frau Doktor K. kennt meinen Namen, kennt meine Telefonnummer und ist sich nicht zu schade dafür, mich einfach mal so anzurufen. Obwohl ich mitten in der Tour bin. Immerhin fragt sich mich nach unzähligen Informationen, ob ich überhaupt im Dienst bin. Pah. Selbst wenn ich frei hätte – bin ich so lebensmüde und binde ihr das auf die Nase? Mit Sicherheit nicht …

So gehen Frau Doktor K. und ich also eine Bindung für die nächste Zeit ein .. auch wenn unser gemeinsamer Patient heute im Laufe des Vormittags dann endlich verstorben ist. Mal wieder war ich diejenige, die als Letztes vor Ort war und ihm was zur Beruhigung spritzen durfte. Aber auch hier – absolut nötig. Der Mann lag völlig verkrampft im Bett, war so unglaublich unruhig, dass er die ganze anwesende Familie auf Trab gehalten hat und mittlerweile alle mit den Nerven am Ende waren.

Immerhin – zum Schluß ist er ruhig eingeschlafen. Und ich habe auch eigentlich irgendwie fast so gut wie gar nicht geweint …

~Doppelt hält besser~

Einmal in die Fänge geraten, komme ich wohl jetzt nicht mehr weg …

Ruft mich heute der Sohn eines Patienten an – dem Vater würde es überhaupt nicht gut gehen, er hätte gar keine Tabletten nehmen können, würde alles verweigern, wäre unruhig … Ich könnte jetzt sagen „Na endlich“ – denn das ist ein Zustand, auf den ich ehrlich gesagt schon eine Weile warte. Der Mann hat einen totalen Dickkopf, wie eigentlich die gesamte Familie. Es wird sich nicht an ärztliche Anordnungen gehalten, stattdessen lieber so therapiert, wie man es selbst für richtig hält. Und dann wundern sich die Leute, wieso es dem Mann phasenweise wirklich schlecht geht ..

Gespräche mit Frau Doktor K. und auch mit uns laufen nach dem immer gleichen Schema ab und bewirken so rein gar und überhaupt nichts.

Jetzt dann also endlich die Situation, wo man dem Mann über Port all das geben könnte, was ihn endlich mal zur Ruhe kommen lässt. Dummerweise musste ich dafür dann mit Frau Doktor K. telefonieren. Schon wieder. Ich war so glücklich, dass ich sie gestern überlebt habe .. heute direkt wieder in die Höhle des Löwen? Nagut, was tut man nicht alles, um endlich wieder einen Port anstechen zu dürfen dem Mann helfen zu können.

Auch das Gespräch habe ich zunächst überlebt – Frau Doktor hat von unterwegs schonmal direkt die ersten Anweisungen gegeben, damit Material bestellt werden konnte, der Rest folgte in dem Moment, als sie vor Ort war. Dummerweise hat sie, anstatt im Büro anzurufen, mich die ganze Zeit nur immer direkt auf mein Diensthandy angerufen. O. meinte, daran könnte ich mich jetzt schon mal gewöhnen … bitte bitte nicht? Ein kurzer Vorwurf mittendrin, wieso man sie nicht eher informiert habe .. aber das konnte zum Glück schnell aus der Welt geschafft werden – das war nämlich nichtmal meine Schuld. Und die Info, dass ich quasi nur auf diesen Tag X warte, hatte sie schon eine ganze Weile. Irgendwann dann machte sie sogar Scherze mit mir am Telefon, ließ auch N. schöne Grüße ausrichten und bedankte sich. Schon wieder. Muss ich extra erwähnen, dass mir das Angst macht?

Kurz danach bekomme ich mit, wie sie mit N. wegen einer ganz anderen Geschichte eigentlich telefoniert .. und scheinbar plötzlich auf mich zu sprechen kommt. N. grinst mich Breitmaulfroschartig an und zeigt mir den Daumen nach oben. Scheinbar habe ich einen gar nicht mal so schlechte Eindruck hinterlassen. Frau Doktor K. meinte zwar, man würde mir die noch nicht ganz so lange Erfahrung durchaus anmerken, aber schließlich sei niemand allwissend auf die Welt gekommen. Aber ich hätte Einfühlungsvermögen und eine tolle Art an mir, sei gewissenhhaft und gründlich .. mehr würde sie ja nicht verlangen.

Das geht ja grad mal noch so ‚runter wie Öl, ne? Trotzdem muss ich jetzt nicht jeden Tag mit ihr telefonieren oder sprechen. Ich fühle mich nämlich trotz quasi Lob immer noch wie die Maus vor der Riesenschlange. Also lieber flüchten als ankuscheln. Das muss ich ihr jetzt nur noch begreiflich machen ..