~Alle halbe Jahre wieder~

Noch 57 Tage.

Und dann war da ja noch der Zahnarzttermin neulich. Wie immer war ich voller Begeisterung und so gut vorbereitet, dass ich den ursprünglichen Termin direkt erstmal verschieben musste, da diese olle Gesundheitskarte mit dem Verbrecherfoto noch nicht anwesend war. Seltsamerweise wollte die gute Dame am Empfang mir das nicht direkt glauben, vermutete sie eher ein Ablenkungsmanöver, um den Termin auf 2030 zu verschieben. Aber da ich guten Willens bin, habe ich mich mit einem Aufschub von zwei Wochen zufrieden gegeben .. der jetzt dann aber leider auch abgelaufen war.

Also nochmal schnell etwas ‚reinsteigern – fühlte sich der Zahn oben rechts doch irgendwie sehr seltsam an – ein paar Fingernägel zerstören, den Mageninhalt fachgerecht entsorgen .. und ab in die Stadt, wo ich voller Vorfreude auf das noch Kommende warten konnte.

Die Mädels vorne waren wie immer äußerst liebenswürdig, sparten nicht an dummen Sprüchen und versuchten so, mich zumindest irgendwie abzulenken. Mit mäßigem Erfolg.

Bevor dann die letzten Nagelhäute ihren Weg in’s Jenseits antraten, durfte ich auch schon durchwandern und auf dem Folterstühlchen Platz nehmen. Seltsamerweise lässt mein Doc mich da kaum noch warten. Ob er befürchtet, dass ich postwendend wieder in’s Wartezimmer renne?

Jedenfalls stürzte er sich gleich mit Feuereifer auf meine rechte obere Zahnreihe, um mir dann anschließend zu erklären, dass er das unebene Problem erstmal nur abschleifen wolle. Um den Schaden dauerhaft in hübsch zu beheben, müsse er ja erst die Brücke herausbrechen und .. keine Ahnung, was er noch erzählt hat. Mein Hirn hat bei dem Wort herausbrechen auf protektiven Durchzug geschaltet, während ich ihn wohl dezent panisch angesehen haben muss. Jedenfalls versuchte er direkt, mich wieder zu beruhigen. Das sei nur die letzte Alternative, falls ich Schmerzen bekommen sollte oder nicht mehr kauen könnte oder so.

„Herausbrechen?“ Man stelle sich hier eine kleine, fiepsige Stimme vor.

„Ja, die Brücke müssten wir herausbrechen, die sitzt ja sonst fest und …“

„Herausbrechen?“ Erneut die fiepsige Stimme.

„Mhm. Vermutlich war meine Wortwahl nicht ganz so geschickt jetzt, oder?“

„Her … ausbrechen?“

Beruhigendes Schultertätschel. Nein, nein. Er wolle nichts brechen. Im Leben nicht. Nur abschleifen. Was anderes habe er jetzt gar nicht gesagt. Aufmunterndes Nicken der Assistentin.

Wenige Minuten später war ich also von meinem unebenen Problem befreit und wollte schon fluchtartig den Stuhl verlassen – ein Bein bereits wieder auf dem sicheren Boden – als der Fiesling liebe Onke Doktor mich freundlich aber nachdrücklich darauf aufmerksam machte, dass wir noch lange nicht fertig wären .. und schließlich auch noch die Kontrolle der anderen Zähne gemacht werden müsste.

„Da ist nichts.“

„Das würde ich mir gerne ansehen …“

„Aber da ist nichts. Da tut nichts weh. Gar nicht. Überhaupt nicht.“

„Akute Stuhlflucht, mhm?“ Das Grinsen der Assistentin war deutlich zu hören.

Da vor der Tür mittlerweile schon die Abfangjäger Stellung bezogen hatten, um eine frühzeitige Flucht meinerseits zu verhindern, blieb mir nichts weiter als der Rückzug auf den Folterstuhl.

Ja, er hat sich wie immer bemüht, nett zu mir zu sein. Trotzdem bin ich nach einigen weiteren Minuten erneut fluchtartig vom Stuhl gesprungen, dieses Mal allerdings mit Erfolg. Keine weiteren Vorkommnisse, also durfte ich endlich wieder verschwinden.

„Ich freue mich, dich in einem halben Jahr wieder zu sehen!“ Strahlendes Lächeln.

„Ich mich nicht auch.“

Aufmunternde Worte auch draussen am Empfang.

„Wie, schon wieder fertig? Und ich hab dich gar nicht schreien gehört!“

Der Termin im halben Jahr steht dann also schon wieder. Wie immer freue ich mich wie wahnsinnig darauf .. aber hey, immerhin bin ich mittlerweile seit knapp zwei Jahren regelmäßig zur Vorsorge gewesen. Zwar mit diversen gesundheitlichen … Ausfällen vorher … aber immerhin. Ich bin stolz auf mich.

~Montag. Klar. Was auch sonst.~

Noch 61 Tage.

Die Woche fängt direkt gut an. Ich bin geistig noch gar nicht ganz wach, das Wochenende war ein kleiner Horror aufgrund der langen Arbeitszeiten, die Nacht wie immer zu kurz .. und dann bist du Montag Morgen um halb acht auf dem Weg zu einem Patienten .. und bekommst erstmal die volle Blitzlichtdröhnung von rechts in’s Gesicht geschmissen. Ich weiß nichtmal, wieviel zu schnell ich gefahren bin, gedanklich im Bett liegend habe ich weder auf den Tacho noch auf eventuell vorhandene Verkehrsschilder geachtet. Sollte ich vielleicht beides mal machen .. aber nö. Wozu? Also warten wir jetzt erstmal auf das nächste Verbrecherfoto. Das Letzte ist auch schon wieder viel zu lange her.

Mittags kaum im Büro angekommen, erwischt mich der letzte Schlag für den Tag – O. sitzt quatschend mit irgendeinem Typen am Schreibtisch .. und erklärt mich dann freudestrahlend, dass das M., der neue Praktikant sei, den ich ab morgen mitnehmen dürfte. Ja, vermutlich war meine Reaktion nicht direkt .. ermutigend. M. jedenfalls wirkte von Minute zu Minute nervöser und überlegt vermutlich grad zuhause, an was für eine Hexe er da geraten ist. Aber ernsthaft .. ich und Azubis? Morgens? Vor dem wach werden? Und jetzt ist nichtmal N. da, die die armen Wesen vorwarnen und ihnen ein paar wichtige Überlebenstips geben könnte. Mir tut der Kerl leid. Also fast. Beinahe. Ein klein wenig. Borusse ist er übrigens auch noch, das steigert seine Chancen, das Ende des ersten Tages in einem Stück zu erleben, natürlich unwahrscheinlich.

„Ich habe aber gar kein Problem mit Bochumer, echt nicht!“

„Dein Pech, ich habe aber ein Problem mit Dortmundern.“

Ich mag meinen liebenswürdigen Charme. Mal gucken, ob ich ihn direkt zum Frühstück fresse .. oder ob ich ihn mir als Häppchen für Zwischendurch lasse. O. meinte, das wäre vielleicht eine Alternative zu meinen öfters geforderten Arsenkeksen .. aber das möchte ich im Moment noch anzweifeln.

Morgen kann also nur besser werden. Besonders nachdem ich dann vorhin mal eben stundenlang mein Auto geputzt und gesaugt habe. Wenn Besuch einsteigt, sollte es vielleicht doch etwas anders da aussehen …

~8 Kilo lesbares Glück~

Noch 63 Tage.

Und dann war da gestern noch das Paket, auf dass ich so dringend gewartet habe. Ersten Meldungen zufolge sollte es mich erst irgendwann zwischen dem achten und neunzehnten März erreichen. Eine Zwischenmeldung von vor ein paar Tagen schob das Datum schon ganz weit nach vorne, nämlich auf gestern oder heute. Und dann war es aber gestern schon so weit.

8,21 Kilo. Fühlten sich aber eigentlich ganz leicht an, ausserdem hat der Paketmensch das bei den Lieblingsmuttis Nachbarn im Erdgeschoss abgegeben. Demnach hält sich also auch mein schlechtes Gewissen in Grenzen.

Ein kleines Teilchen fehlt zwar noch .. aber trotzdem bin ich jetzt um 8,21 Kilo Bücher schwerer … glücklicher … was auch immer. Neunzehn Mal bedrucktes Glück, neunzehn Mal Realitätsflucht, neunzehn Mal vergnügliche Lesestunden. Und wie es aussieht, habe ich auch direkt meine Urlaubslektüre dabei. Die vier Teile der Kallypso Masters entpuppen sich als quasi Schwergewichte, dazu noch Sally und ihre beiden Agenten … wehe, Lieblingsmutti hält mich vom Lesen ab.

Jetzt kann ich auch endlich die letzten Seiten der tollen Eisrose zuende lesen, auch wenn ich seit einer Weile befürchte, dass ich schon weiß, auf was das Ganze hinauslaufen wird. Aber gut, manchmal passiert das eben. Vielleicht bin ich einfach zu gestört, dass ich direkt Gleichgesinnte erkennen kann …